Projekte
02.12.11
Neu im Gunzesrieder Tal
Die neue "Hohe Brücke" ist nach einer überdachten Holzbrücke aus dem 17. Jahrhundert und der Stahlbetonbrücke von 1901 das 3. Brückenbauwerk, das an dieser Stelle errichtet wurde.

1. Allgemeines
1.1 Notwendigkeit der Maßnahme, Verkehrswege
Die Gemeindeverbindungsstraße zwischen den Ortsteilen Gunzesried und Gunzesried Säge überquert das Tal der Gunzesrieder Ach in einer Höhe von ca. 25 m. Es ist die einzige öffentliche Verbindungsstraße zum Ortsteil Gunzesried Säge. Bei dem bestehenden Bauwerk handelte es sich um ein denkmalgeschütztes Bogentragwerk von 1901 mit Verstärkungen von 1964. Bei der im Jahre 2007 durchgeführten Hauptuntersuchung wurden erhebliche Schäden, insbesondere am Tragwerk von 1901, festgestellt. Die Standsicherheit, die Dauerhaftigkeit und die Verkehrssicherheit sind beeinträchtigt. Instandsetzungsmaßnahmen oder ein Neubau waren dringend erforderlich. Die derzeit zulässige Belastung von 16 t mit Ausnahmegenehmigungen für Einzelfahrzeuge reicht für das vorhandene Verkehrsaufkommen nicht mehr aus.
1.2 Bauwerksgestaltung
Für den Neubau wurden im Rahmen der Vorplanung verschiedene Varianten untersucht. Aufgrund der geologischen Situation musste die bestehende Stützweite vergrößert werden. Ein Einfeldträger oder ein einfaches Rahmentragwerk erfordern deutlich größere Überbauhöhen. Für ein Bogentragwerk müsste, aufgrund der größeren Stützweite, der Bogenstich deutlich erhöht werden. Im Zuge der Variantenuntersuchung stellte sich der Herstellungsprozess (Montage) als wichtiges wirtschaftliches Kriterium, insbesondere für die Gestaltung im Längsschnitt, heraus. Hubmontage ist beim Einfeldträger- oder einfachen Rahmentragwerk nur bei Teilung des Überbaus in Längsrichtung möglich. Dies erfordert jedoch Traggerüste, da die Mitverwendung des Bestandes, aufgrund der notwendigerweise großen Überbauhöhe des neuen Tragwerkes, nicht möglich war. Deshalb wäre auch für einen neuen Bogen ein Traggerüst notwendig gewesen. Entwickelt wurde deshalb eine Variante als aufgelöstes Rahmentragwerk, die den bestehenden Bogen als Traggerüst nutzt und in ihrer Ansicht dem Charakter des bestehenden eleganten Tragwerks gerecht wird. In Querrichtung wurde eine Variante in Stahlbeton und eine Variante in Verbundbauweise untersucht. Die gewählte Lösung in Verbundbauweise bietet die Möglichkeiten einer hohen Vorfertigung und damit einer Bauzeitverkürzung. Außerdem sind die Belastungen für den Baugrund aus Eigengewicht geringer. Das Bauwerk wurde als integrale Verbundbrücke ausgeführt, das bedeutet, dass auf Lager- und Dehnfugen bewusst verzichtet wurde, um den Unterhalt zu minimieren.
2. Bodenverhältnisse, Gründung
Im Bereich der Brücke wird der Untergrund durchwegs von tertiären Schichten der„Unteren Süßwassermolasse“ gebildet. Die tertiären Schichten bestehen im Bereich der vorhandenen Widerlager nahezu vollständig aus Konglomeraten (Nagelfluh). Unmittelbar vor dem Widerlager Nord befindet sich ein großer Felsblock, der überhängend vor das bestehende Fundament ragt. Da die Sohlfuge auf der Kluftfläche deutlich geöffnet ist, können als haltende Kräfte nur die Reibung zwischen Block und Fels angenommen werden. Der gesamte Block ist absturzgefährdet. Am südlichen Widerlager liegt im Fundament bereits eine Abtreppung vor. Auf der SW-Seite ist die Schichtung maßgebend. Entlang der Schichtung ist der anstehende Nagelfluh und Sandstein vollkommen entfestigt und bildet eine Zerrüttungszone die von Unterkante bestehendes Fundament bis zur Bachsohle reicht. Das gesamte Schichtpaket westlich der Zerrüttungszone kann als nicht standsicher betrachtet werden. Aufgrund der vorgenannten Randbedingungen und Schwierigkeiten wurden die Widerlager der Brücke nach hinten versetzt und mittels Großbohrpfähle gegründet.
3. Tragwerk Überbau
Der Überbau wurde als Stahlverbundkonstruktion mit 2 dichtgeschweißten Hohlkästen und einer Stahlbeton-Fahrbahnplatte mit einer variablen Dicke von 32 cm am Kragarm und 40,5 cm in Feldmitte ausgeführt. Die Stahlkonstruktion wurde in 6 Schüssen vorgefertigt und auf der Baustelle in Endlage verschweißt. Die Verbundsicherung erfolgt über Kopfbolzen im Bereich der Öffnungen in den Fertigteilen. Der Neubau wurde als integrales Bauwerk ausgeführt; das bedeutet, dass auf Lager und Dehnfugen verzichtet wurde, um den Unterhalt zu minimieren.
4. Baudurchführung
Im Oktober 2009 wurde zunächst mit dem Bau der Behelfsbrücke begonnen. Die Arbeiten an der neuen Brücke begannen dann unmittelbar nach der Verkehrsumlegung im Mai 2010 und wurden in folgenden Abschnitten durchgeführt:
 Herstellen der Ortbeton- und Verpresspfähle
 Abbruch Belag, Geländer, Kappen und Abdichtung
 Abbruch der Fahrbahnplatte, Längsträger, Stützen und Pfeilerscheiben (- von oben durch Schneiden und Herausheben der Konstruktionsteile)
 Abbruch der Widerlager und Stützwände (teilweise)
 Betonieren der Pfahlkopfplatte
 Montage der Stahlkonstruktion
 Betonieren der Widerlager und Flügelwände, Hinterfüllung mit Magerbeton
 Verlegen der Fertigteilelementplatten, abschnittsweises Betonieren der Ortbetonplatte
 Abbruch der Bögen (- musste ebenfalls erschütterungsarm erfolgen. Vorgesehen war eine Sicherung des alten Bogens an der neuen Brücke. Nach dem Sägen des Bogens in mehrere Einzelteile wurden die Bogensegmente mit einem Seilzugsystem herabgelassen. Aufgrund des absturzgefährdeten Felsblockes auf der Seite Gunzesried musste dieser Kämpferabschnitt vor dem Ablassen in Längsrichtung verschoben werden. Das Abbruchgut wurde dann mit einem Schreitbagger aus dem Bachbett entfernt)
 Herstellung von Abdichtung, Kappen und Belag
 Freigabe Verkehr auf neuem Bauwerk mit Verkehrseinschränkung
 Rückbau der Behelfsbrücke
5. Technische Daten, Kosten
Brückenklasse: DIN - FB
Stützweiten: ca. 42,00 m, Lichte Höhe: ca. 25,00 m (Normalwasserstand)
Breite zw. Geländer: 7,50 m, Gesamtlänge incl. Stützwände: ca. 92,00 m
Gesamtbaukosten einschl. Abbruch und Behelfsbrücke: 2,089 Mio. €


Hohe Brücke von Westen

Behelfsbrücke / Absenkung der Bogensegmente

nördliches Widerlager

südliches Widerlager

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überhängender Felsblock
Standort: Gemeindeverbindungsstraße Gunzesried - Gunzesried Säge
Bauherr: Gemeinde Blaichach
Planung: Dr. Schütz Ingenieure - Beratende Ingenieure im Bauwesen GmbH / Dipl. Ing. FH Gerhard Pahl
Fertigstellung: August 2011