Presse
17.01.15 - Kempten
Altstadtbrief 2014
Das architekturforum allgäu nimmt Stellung zur Kemptener Baukultur


Baukultur – Fehlanzeige?

Wenn Sie die Internetseite der Stadt Kempten (www.kempten.de) öffnen und den Button „Planen und Bauen“ anklicken, landen Sie bei der Kemptener Bauverwaltung. Gehen Sie dann am rechten Rand ganz weit nach unten, dann können Sie sich darüber informieren, was Kempten in Sachen „Baukultur“ zu bieten hat: es öffnet sich einzig ein Foto der fürstäbtlichen Residenz, darüber hinaus erscheint nichts.

Sicherlich gäbe es noch etliche weitere erwähnenswerte Beispiele aus Kemptens Vergangenheit, aber wie ist es um die hiesige Baukultur in der Gegenwart bestellt? Ist Bauen heute nur noch ein Thema für die Wirtschafts- und Immobilienseiten in der Zeitung und nur in Ausnahmefällen für die Rubrik „Kulturelles“ von Belang?

Baukultur – was ist das?

Bauen heißt erlebbaren Raum schaffen im weitesten Sinn, es ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Alltags-Kultur, egal ob es um eine Straße, eine Brücke, einen Platz, eine Grünanlage, ein öffentliches Gebäude, ein ganzes Gewerbe- oder Wohngebiet, oder nur um eine Gaube oder einen Gartenzaun geht – und es ist dabei unerheblich, ob es sich dabei um einen Neu-, Umbau oder einen Abbruch mitten in der Stadt, im Dorf oder in der Natur handelt.

Ob das „Bauen“ einen positiven Beitrag zur Kultur eines Ortes leistet oder ihr eher abträglich ist, war nie eine Geschmacks- sondern immer eine Qualitätsfrage. Wesentlich ist, inwieweit in diesem Prozess bei Bedarfsermittlung, Zielsetzung, Planung und Ausführung und nicht zuletzt während der Nutzung die gemeinsamen Wertvorstellungen und die verbindlichen Normen der Gesellschaft gefördert und beachtet oder ignoriert werden und ob die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Betroffenen und Beteiligten angemessen und wertschätzend ausgeglichen werden. Es geht uns also auch darum, inwieweit dabei das Gemeinwohl oder die Interessen von Gruppen oder Einzelnen dominieren, wenn wir von Baukultur reden.

Baukultur – konkret in Kempten

Die letzten Jahre konnte man sich in unserer Heimatstadt nicht des Eindrucks erwehren, dass das Denken in größeren räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen vernachlässigt wurde. Stattdessen wurde häufig und viel zu schnell den vornehmlich monetären Kurzfrist - Interessen von Investoren stattgegeben; bloßes Reagieren stand im Vordergrund anstatt kreatives Agieren. Am Brauhaus - Gelände lässt sich dieses Dilemma exemplarisch ablesen, XXXL Lutz, das Klosterumfeld in Lenzfried, das Baugebiet Saarlandstraße oder das Weberei-Gelände an der Iller mit der historischen Shed-Halle sind einige weitere Beispiele. 

Baukultur sollte sich unserer Ansicht nach auch auf die Verfahren selbst erstrecken, Transparenz und Einbeziehung der Bürger müssten unserer Ansicht nach essentielle Bestandteile darstellen. Als Negativ - Beispiel in dieser Hinsicht ist der Neubau der Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse Allgäu an der Königstraße zu nennen, wo nach über drei Jahren geheimer Planungsüberlegungen die Öffentlichkeit erst vor wenigen Wochen quasi vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Von einem zutiefst `öffentlichen` Bauherrn wie der Sparkasse Allgäu hätte man sich an dieser städtebaulich prominenten Stelle eigentlich ein ganz anderes Verhalten erwarten dürfen. 

Ein Ansatz in die richtige Richtung stellt unserer Ansicht nach das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) dar, das immerhin ein größeres und zusammenhängendes Untersuchungsgebiet zum Ausgangspunkt nimmt, auch wenn die Abgrenzung der `erweiterten Doppelstadt` bzw. deren Ränder willkürlich erscheinen. Auch das Vorhaben `Iller erleben` berücksichtigt einen - in diesem Fall naturräumlichen - Gesamtzusammenhang und hat damit Vorbildcharakter. Liegt ein schlüssiges Gesamtkonzept erst einmal im Konsens vor, fallen die Einzelentscheidungen umso einfacher, weil diese eben dem `großen Ganzen` dienen. Als probate Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, haben sich die Einschaltung von qualifizierten Fachleuten, ein unsererseits seit Jahren geforderter Gestaltungsbeirat als externes Beratungsgremium für Bauausschuss und Stadtrat sowie nach den gesetzlichen Statuten geregelte Wettbewerbsverfahren erwiesen.

Baukultur – Baukunst?

Bauen verändert unser Umfeld und beeinflusst unvermeidlich unsere Lebensbedingungen und uns selbst umfassend und nachhaltig. Baukultur schafft einen nachweisbaren Mehrwert, der sich für den Bauherrn und die Gesellschaft rechnet und deshalb auch einen mitunter größeren Aufwand an Zeit, Geld, fachlicher Kompetenz und Engagement rechtfertigt. 

„Baukultur“ ist auch heute unverzichtbar und bereitet im Idealfall den Boden für Baukunst, die über konkreten Anlass, Bedingungen und Einflüsse eines Bauwerks hinausweist, indem sie unserer Identität Gestalt und Ausdruck verleiht und somit bedeutend mehr als nur eine kleine Fußnote auf der offiziellen Internetseite der Stadt Kempten / Allgäu darstellen sollte.


Quelle:

Der Altstadtbrief Nr. 41 2014, Seite 17, Herausgeber: Freunde der Altstadt Kemptens e. V.