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Presse
09.07.13 - Kempten
Architekturforum Allgäu
B4B SCHWABEN Expertentipps I 22.05.2013
Interview mit Franz Schröck
Veränderung braucht ihre Zeit
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Die Architektur im Allgäu befindet sich im Wandel zu mehr Qualität und eigenständiger Baukultur. Das Ergebnis zeigt sich indes nicht von heute auf morgen – und bedarf einer Betrachtung und eines Herangehens, das über einzelne Objekte hinausgeht, wie Franz Schröck,  1. Vorsitzender des architekturforum_allgäu, im Interview betont.

Das Allgäu hat sich in den vergangenen 20 Jahren architektonisch stark verändert. Es ist jünger und moderner geworden. Worauf ist dieser Wandel zurückzuführen?

Franz Schröck: Die Baukultur ist immer ein direktes Abbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse. Offenbar gibt es in unserem Landstrich nach Jahren der weitgehenden Ignoranz wieder ein wenig Sensibiliät für qualitätvoll Gebautes und Gestaltetes, auch um mit einer regionalen Identität in der heutigen globalisierten Welt einen Platz zu finden. 

Bei Wettbewerben wie dem Thomas-Wechs-Preis räumen inzwischen die Allgäuer deutlich stärker ab als andere Regionen: Auch dies ein Zeichen des Wandels?

Logische Konsequenz eines behutsameren Umgangs mit der eigenen Kulturlandschaft sind natürlich auch Veröffentlichungen und Prämierungen. Sicher sind solche Auszeichnungen wertvoll, wirklich bedeutsam ist aber die jeweilige konkrete Verbesserung der Alltagskultur vor Ort. 

Bisher galten ja Vorarlberg und der Bregenzer Wald als Mekka für die Freunde moderner Architektur. Zwei Fragen: Welche Chancen hat das Allgäu hier allmählich gleichzuziehen? Und: Liefern die alpine Tradition und Mentalität guten Nährboden für spannende Architektur?

Regionen wie Vorarlberg, Südtirol oder Graubünden spielen in einer anderen Liga, was das Thema Baukultur anbelangt. Die Tendenz ist bei uns im Allgäu unserer Wahrnehmung nach jedoch steigend. Die Naturverbundenheit und der wohlüberlegte Pragmatismus früherer Jahrhunderte im Alpenraum sind nicht per se eine Grundvoraussetzung für hochwertige Architektur, sicherlich aber ein ganz guter Grundstock, auf den man sich wieder besinnen sollte. Eigentlich müsste das Hauptaugenmerk aber auf die Gesamt-Siedlungsentwicklung geworfen werden und nicht allein auf das zeitschriftentaugliche Einzelobjekt. 

Das architekturforum_allgäu genießt in der Branche inzwischen einen sehr guten Ruf. Worin sehen Sie Funktion und Stärken einer solchen regional aufgestellten Organisation?

Das architekturforum_allgäu kümmert sich anders als z. B. unsere Berufsverbände praktisch ausschließlich um hiesige Belange. In einem Satz zusammengefasst, haben wir uns die Senibilisierung einer breiten Öffentlichkeit für das Thema Baukultur auf die Fahne geschrieben und können auf eine sehr enge Verknüpfung der Protagonisten vor Ort zählen. Wir sind der festen Überzeugung, dass die gebaute Umwelt nicht als gegeben hingenommen werden muss, sondern deren Aussehen vielmehr von jedem Einzelnen mitbestimmt wird.

Sie vergeben alle vier Jahre selbst einen „Baupreis Allgäu“: In welche Richtung wollen und können Sie hier Einfluss nehmen auf ein verändertes Verständnis für Architektur in der Region?

Der baupreis_allgäu, der heuer zum dritten Mal von einer unabhängigen Jury vergeben wird, zeichnet vorbildliche Projekte aus, die geschickt auf ihr jeweils spezifisches Umfeld reagieren und dieses zu einem hochwertigen Ganzen aufwerten. Bei der Auszeichnung handelt es sich um einen Bauherrenpreis, denn gute Ergebnisse entstehen nur im vertrauensvollen Dialog von Bauherr und Architekt/Fachplaner sowie im Zusammenspiel mit den ausführenden Handwerkern. Diese regionale Wertschöpfungskette zu stärken, ist erklärtes Ziel des architekturforum_allgäu. 

Wo ist Ihnen das schon geglückt – und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Die Veränderung des Bewusstseins passiert leider nur in sehr kleinen Schritten und tritt punktuell in noch wenigen ,zarten Pflänzchen‘ in Erscheinung. Da ist schon ein langer Atem vonnöten, wenn sich z. B. an den überall grassierenden, gleichförmigen Baugebieten und Gewerbeansiedlungen etwas zum Positiven ändern soll. Bedauerlich auch, dass Projekte wie das sogenannte ,Allgäuer Dorf‘ bei Füssen, das als Retorte ein äußerst fragwürdiges Klischee ohne Substanz bedient, überhaupt angedacht werden. Deshalb versuchen wir in jüngster Zeit schon in Kindergarten und Schule Aufklärungsarbeit zu leisten, denn hier werden die Fundamente gelegt für eine spätere solide Gestaltungskompetenz. 

Bei Bauwerken wie der Kanzelwand-Bergstation oder dem Alpseehaus in Immenstadt spielen Natur und Ökologie eine tragende Rolle. Wird dies zu einer bestimmenden Funktion beim Bauen im 21. Jahrhundert - und liefert es eher Chancen oder eher Einschränkungen?

Ökologie und sparsamer Ressourcenumgang sind sicher die bestimmenden Themen der Zukunft und müssen offensiv angegangen werden. Entscheidend ist jedoch nicht eine isolierte, einseitige sondern immer eine integrative, gesamtheitliche Betrachtungsweise mit einem gestalterischen Anspruch. 

Unternehmen gehen zunehmend dazu über, mit ihren Firmengebäuden auch Statements zu setzen. Ist das prinzipiell ein guter Ansatz? Und: Wo sehen Sie im Allgäu besonders geglückte Beispiele dafür?

CI-prägende Architektur als Folge eines bewussten Firmenleitbildes im Sinne etwa eines Otl Aicher verdient immer Anerkennung - gute Beispiele dafür sind im Allgäu jedoch noch eher die Ausnahme denn die Regel. Oftmals wird über den Faktor ,möglichst niedrige Investitionskosten‘ der entsprechende Nachhaltigkeitsaspekt außer Acht gelassen, anstatt durch den gebauten Firmenauftritt neben dem eigenen wirtschaftlichen Vorteil auch eine langfristige Bereicherung für Nutzer und Betrachter zu erzielen.