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07.06.12 - Kempten
randnotiz.07
Brauhaus-Gelände
Kein Opfer zu Gunsten kurzfristigem Gewinnstreben

Das architekturforum übt deutliche Kritik an der städtebaulichen Entwicklung des Brauhausgeländes und vor allem an der Diskussion über die Zukunft des Sudhauses. Den von den Investoren ins Spiel gebrachten Vorschlag, das Sudhaus abzubrechen, um es vier Meter versetztwieder aufzubauen, hält das forum für unangemessen.

Vorgehensweise hinterfragt
Das Verfahren, das zum jetzigen Stand der Diskussion führte, wird als vermeintlich richtiger Weg zu einer zukunftsfähigen, identitätsstiftenden Lösung für das Brauhaus-Gelände in Frage gestellt. Anstatt selbst als Auslober und federführender Auftraggeber des Wettbewerbs einen klar umrissenen städtebaulichen Wettbewerb auszuschreiben – auch mit der Option in kleineren Einheiten zu denken – überließ die Stadt dies Investoren, deren Interessen sich an der bestmöglichen kommerziellen Verwertbarkeit orientierten. Preisrichter und Vorprüfer aus dem Wettbewerb sind jetzt als Planer für die neuen Investoren tätig, was in Fachkreisenals eindeutiges Tabu gilt. Der seinerzeit siegreiche Entwurf von Münchener Kollegen ist mittlerweile hinsichtlich der Bedürfnisse des Investors wiederholt umgestaltet worden, die bewerteten Qualitäten kaum mehr erkennbar.

Geschichtsvergessenheit vermeiden
Die Stadt bzw. der auslobende Investor hatte im fortgeschrittenen Wettbewerbsverfahren den Abriss des Sudhauses zur Auflage gemacht. Der Ansatz einiger Wettbewerbsteilnehmer, die den Erhalt als Bereicherung für das Stadtbild und emotionales Kapital befürworteten, wurde nicht aufgegriffen. Erst nach öffentlichem Protest wurde das Sudhaus wieder in die Planungen einbezogen. Andere Städte füllen mit großem Aufwand historisch gewachsene und unverwechselbare Areale sensibel mit neuem Leben, das ehemalige Warteck–Brauerei-Areal in Basel ist als Beispiel anzuführen. Die Stadt Kempten dagegen vergibt nach dem derzeitigen Stand der Dinge die Chance, ein städtebaulich und historisch bedeutendes Kernstück durch hochwertige bauliche Ergänzung zu einer Bereicherung für die ganze Stadt weiterzuentwickeln.

Sudhaus als Gebäude mit Erinnerungswert bewahren
Nach vielen Abrissen und geschichtsvergessenen Bebauungsfehlern der letzten Jahrzehnte ist die Bevölkerung sensibler geworden, was die Uniformierung ihrer Innenstadt angeht. Die Auslöschung nahezu aller Gründerzeitbauten an der Ecke Bahnhof-/Beethovenstraße und deren Ersatz durch Zentralhaus, Illerkauf, ehemalige Quelle (jetzt neu bezogen durch Drogeriemarkt Müller) und Oberpaur (heute Reischmann), funktioniert schon nach wenigen Jahrzehnten sowohl inhaltlich, als auch gestalterisch nicht mehr. Leerstand und die mühsame Aufhübschung der Fassaden können nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass die Akzeptanz der Kemptnerinnen und Kemptner nicht gegeben ist und hier keine Orte entstanden sind, die einer lebendigen, unverwechselbaren Innenstadt ihr Gesicht geben. Was das Sudhaus betrifft, drängt sich momentan der Verdacht auf, dass mit Führungen durch das Gebäude und dem Versuch einer einseitig gesteuerten öffentlichen Meinung die angebliche Wertlosigkeit des Sudhauses demonstriert und so einem ersatzlosen Abriss das Wort geredet werden soll. Vorausschauende, auf den historischen Bestand bezogene städtebauliche Überlegungen werden hier wirtschaftlichen Interessen mit fragwürdiger Halbwertszeit geopfert.

Bürgerschaft soll Stadt mitgestalten können
Das architekturforum schlägt für die Zukunft eine Vorgehensweise vor, an deren erster Stelle ein von der Stadt selbst auszulobender städtebaulicher Ideenwettbewerb steht, in engem Diskurs mit der Bürgerschaft. Daraus sollten politische Entscheidungen über die gewünschten Rahmenbedingungen hervorgehen. Dann erst sollten Bebauungsplan, Suche nach Investoren, gegebenenfalls ein Realisierungswettbewerb oder die Begleitung durch einen Gestaltungsbeirat (randnotiz 06) folgen.

Mai 2011

(in Auszügen veröffentlicht in der Allgäuer Zeitung, 31. Mai 2011)

Standort zwischen Beethoven- König- Hirnbein- und Bahnhofstraße, Kempten (Allgäu)
seit 1911 Gelände des im selben Jahr gegründeten Allgäuer Brauhauses, dessen Wurzeln bis zur ersten urkundlichen Erwähnung der Stiftsbrauerei 1394 zurück reichen
Ende 2004 Verlegung der Bierproduktion von Kempten nach Marktoberdorf-Leuterschach
2006 Städtebaulicher Ideenwettbewerb 1. Stufe, nach Ausstieg des damaligen Investors
2009 Widerstand in breiten Bevölkerungskreisen gegen den im Bebauungsplan zunächst vorgesehenen Abriss des Sudhauses
2011 Stadtratsbeschluss der einen Abriss und versetzten Wiederaufbau des Sudhauses möglich macht
Derzeitige Beplanung der „Brauerei – Gärten“ durch ein Investorenteam der Firmen Geiger und Recommerz